Erstmals Stolpersteine in Winningen verlegt

1996 begann der Künstler Gunter Demnig, „Stolpersteine“ für Opfer des NS-Regimes zunächst in Deutschland, später auch in weiteren europäischen Ländern, zu verlegen. Damit werden Menschen mit ihren Schicksalen in Erinnerung gerufen, die von den Nationalsozialisten verfolgt, gedemütigt, misshandelt und in vielen Fällen ermordet wurden. Insgesamt wurden bisher rund 80.000 Stolpersteine verlegt.

Die Gemeinde Winningen bezeichnete sich im so genannten 3. Reich als „nationalsozialistische Hochburg“; folglich kam es auch dort zu Anfeindungen und menschenverachtender Hetze, die Existenzen zerstörte oder zur Ermordung der Opfer führte. Lange Jahre wurde dieses dunkelste Kapitel der Ortsgeschichte, das nach dem Grauen der Verfolgung und Hinrichtung von Frauen und Männern als Hexen und Zauberer im 17. Jahrhundert einmal mehr tiefste menschliche Abgründe offenbarte, totgeschwiegen. Eine Aufarbeitung fand aus mancherlei Gründen nicht statt und so erschienen erst 1997/98 zwei Schriften zu dieser Thematik, die schließlich 2007 in einer neuen Winninger Ortsgeschichte umfassend behandelt wurde. 

Ein Schlusspunkt unter die Auseinandersetzung mit der Winninger NS-Zeit kann aber auch heute noch nicht gesetzt werden. Insoweit war es folgerichtig, dass am 27. Oktober 2020 aufgrund einer Anregung der Winninger Bürgerin Siglinde Krumme, die mit den „Winninger Heften“ bereits zahlreiche „Beiträge zur Geschichte der Moselgemeinde Winningen und ihrer Bürger“ veröffentlicht hat, unter maßgeblicher Mitwirkung von Hans-Peter Kreutz (+ 17.12.2020) die ersten Stolpersteine verlegt und damit die Schicksale von Elisabeth Müller und Friedrich Schauss als Opfer des nationalsozialistischen Unrechtsregimes in den Blick der Öffentlichkeit gerückt wurden. 

Elisabeth Müller wurde 1875 als Tochter des Winninger Pfarrers Adolf Müller und seiner Frau Caroline im dortigen Pfarrhaus geboren. Sie besuchte die Winninger Volksschule und die Höhere Mädchenschule Koblenz, machte das Lehrerinnenexamen für Höhere Schulen und war kurze Zeit Volksschullehrerin in Winningen, bevor sie zu ihrer reichen, verwitweten Patentante nach Köln zog. Mit dem ihr zugefallenen Erbe machte sie eine Weltreise, war danach Lehrerin an der Oberrealschule in Gießen. 1920 stürzte sie bei einer Bergtour am Großvenediger und verletzte sich schwer; die Genesung zog sich lange hin. Anfang der 1930er Jahre kehrte sie nach Winningen zurück und lebte dort zurückgezogen. Im Frauen- und Jungfrauenverein war sie aktiv und gab im geringen Umfang Nachhilfestunden. 

In der „nationalsozialistischen Hochburg“ Winningen fiel sie immer wieder mit regimekritischen Äußerungen auf, bei denen sie sich z. T. auf die Lektüre englischer Zeitungen stützte, die sie noch 1938 bezog. Als Verrat wurde ihr „Nein“ bei der „Volksabstimmung“ und „Wahl“ des „Großdeutschen Reichstages“ am 10. April 1938 gewertet. Da die Wahl nicht geheim war, wurde ihr Votum bekannt und so schrie eines Nachts ein SA-Mann vor ihrem Haus: „Hier wohnt das Nein-Schwein!“. Nun wurde Beweismaterial gegen sie gesammelt, kritische Äußerungen in ihrer Korrespondenz wie z. B. „In Köln waren ja Hungerrevolten. Es gab Erschießungen und Verhaftungen.“ wurden von der Gestapo als „erhebliche staatsabträgliche Äußerungen“ gewertet. So kam Elisabeth Müller in „Schutzhaft“. Sie wurde vor dem Sondergericht Koblenz wegen Verbrechens gegen das „Heimtückegesetz“ angeklagt und zu der vergleichsweise milden Strafe von 8 Monaten Gefängnis verurteilt, von denen sie durch Anrechnung der Untersuchungshaft nur noch einen Monat im Gefängnis Köln Klingelpütz absitzen musste. Nach Verbüßung der Haft wurde sie erneut der Gestapo überstellt und durch Erlass des Reichssicherheitshauptamtes am 8. September 1942 im Alter von 67 Jahren in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt. 

Ohne Rücksicht auf ihr Schicksal wurde sie in Winningen weiterhin verhöhnt. Am 1. Mai 1943 wurde am Maibaum eine Strohpuppe, die Elisabeth Müller darstellte, verbrannt und es wurde ein gehässiges Plakat in Form einer Todesanzeige an der gegenüberliegenden Hauswand angebracht. 

Anfang Februar 1944 wurde sie aus dem KZ Ravensbrück mit 1.000 anderen Häftlingen in das Konzentrationslager Lublin verschleppt und später weitertransportiert in das KZ Auschwitz. Von dort erhielt ihre Familie am 17. September 1944 eine letzte Nachricht von ihr. Am 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz und damit auch Elisabeth Müller von der Roten Armee befreit. Ihre Kräfte waren jedoch so aufgezehrt, dass sie am 25. März 1945 an den Folgen der KZ-Haft verstarb. 

Friedrich Schauss wurde 1891 in Linkenbach, Kreis Neuwied, geboren und war nach Schul- und Studienzeit, Teilnahme am  1. Weltkrieg, Ablegung der Theologischen Examina sowie Verwendung in Duisburg und Düsseldorf seit September 1933 Pfarrer in Winningen. Er war konservativ und national gesinnt, hatte gleichwohl aber eine feste religiöse Bindung und zeigte sich bekenntnistreu. Das musste zwangsläufig zu einem Konflikt mit dem NS-Regime führen. 

Der zeigte sich zunächst im „Kampf um den Sonntag“. Die Mitglieder der Hitler-Jugend sollten durch Antreten, Aufmärsche, Schulungen und sonstige Aktivitäten vom Besuch des Gottesdienstes abgehalten werden. Schauss hingegen versuchte, für kirchliche Aktivitäten Raum zu schaffen und NS-Gedankengut fernzuhalten. 

Als Schauss im August 1935 den Pfarrer jüdischer Herkunft Wilhelm Peter Max Katz zu seiner Urlaubsvertretung bestellt, dieser auch bereits Amtshandlungen vorgenommen hatte, lief die Winninger NSDAP-Ortsgruppe dagegen Sturm und drohte, die „SA werde die Kirche stürmen und den Pfarrer von der Kanzel holen“. Diese Eskalation konnte nur durch den Einsatz des urlaubshalber in Winningen weilenden Pfarrers Wilhelm Krumme vermieden werden. 

Winningens Ortsgruppenleiter Eduard Kröber ließ jedoch nicht locker und bezichtigte Schauss „staatsfeindlicher Äußerungen“, freilich zunächst ohne Erfolg. Auch weitere gegen ihn angestrengte Verfahren blieben ohne justiziable Auswirkungen, übten aber natürlich Druck auf Schauss aus. Als er jedoch in einer Predigt den Satz „Es gibt nur einen Führer, und der heißt Jesus Christus“ sagte, wurde er von Gemeindegliedern von der Kanzel geholt. Die Lage spitzte sich zu, als Schauss im Frühjahr 1940 gegen die „Metallspende des deutschen Volkes“, für die auch die alten Glocken aus dem Kirchturm geholt werden sollten, Kritik äußerte und eine „Glocken-Opfer-Feier“ in der Kirche ausrichtete. Auch sagte er im Juni des gleichen Jahres bei einem Gedenk-Gottesdienst für Gefallene, wenn in Berichten der Kompanieführer über die letzten Stunden von Gefallenen gesagt werde, sie hätten einen sanften Tod gehabt, so sei das meist gelogen. Daraufhin kam er in „Schutzhaft“ im Koblenzer Gefängnis; der staatliche Pfarrbesoldungszuschuss wurde gesperrt. Als er nach zweieinhalb Monaten Haft freikam, wurde ein Aufenthaltsverbot für zahlreiche Provinzen und Gebiete sowie ein Redeverbot für das gesamte Reichsgebiet gegen ihn erlassen. Damit war ihm seine wirtschaftliche Grundlage entzogen. Schauss verließ Winningen, was das Konsistorium der Rheinprovinz missbilligte und ihn in den Wartestand versetzte. Bis Kriegsende erhielt er keine Anstellung mehr – das war für ihn, seine Frau und ihre fünf Kinder eine äußerst schwere Zeit. 

Nach dem Ende des NS-Regimes wurde Friedrich Schauss Pfarrer in der Nähe von Düsseldorf, 1956 ging er in den Ruhestand. 1965 ist er in Bad Münster am Stein verstorben.

Es ist gut, dass nun auch in Winningen mit der Verlegung von Stolpersteinen begonnen wurde. Elisabeth Müller und Friedrich Schauss waren aber nicht die einzigen Opfer des NS-Regimes in Winningen und so soll künftig auch weiterer Verfolgter durch Stolperstein-Verlegungen gedacht werden. 

Frank Hoffbauer 


  1. www.stolpersteine.eu
  2. Vgl. dazu Walter Rummel, Bauern, Herren und Hexen, Studien zur Sozialgeschichte sponheimischer und kurtrierischer Hexenprozesse 1574-1664, 1991. 
  3. Frank Hoffbauer, Weinwerbung und politische Propaganda. In: Jahrbuch für Westdeutsche Landesgeschichte 1997, S. 529 – 549 sowie Gerhard Löwenstein, Die evangelische Kirchengemeinde Winningen während der Zeit des Nationalsozialismus. In: VHS Untermosel (Hg.), MoselKiesel, Bd 1, 1998, S. 119 – 160. 
  4. Joachim Hennig, Die Zeit des Nationalsozialismus. In: Frank Hoffbauer/Walter Rummel (Hg.), Winningen, Beiträge zur Ortsgeschichte von den Ursprüngen bis in die Gegenwart, 2007, S. 115 – 196.
  5. Ekkehard bzw. Siglinde Krumme (Hg.), Winninger Hefte 1 – 9, 1985 ff. 
  6. Hans-Peter Kreutz widme ich dankbar für seine Unterstützung diesen Artikel.
  7. Vgl. Verein für rheinische Kirchengeschichte (Hg.), Die evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer im Rheinland von der Reformation bis zur Gegenwart, Bd. 4, 2020, S. 72. 
  8. Ebd., Bd. 3, 2018, S. 62
  9. Ebd., S. 178. 
  10. Zusammengestellt nach der Veröffentlichung von Joachim Hennig, wie Anm. 4 und seinem Redekonzept zur Stolpersteinverlegung in Winningen am 27.10.2020.